Die Deutschen und Big Data
(Bild: SFIO-CRACHO - Fotolia)

Hassliebe: Die Deutschen und Big Data

Geht es um den Einsatz von Big Data und computerbasierten Entscheidungen, so zeigt sich die deutsche Bevölkerung in hohem Maße schizophren.

Besorgte Bürger

Als Bürger fürchten wir die Macht der Daten. Wir fühlen uns überwacht und kontrolliert, und sehen die Zukunft mehrheitlich in einem düsteren Licht. Diese Sichtweise basiert auf gesellschaftlichen Narrativen wie „Big Brother“ oder Skandalen wie die Snowden-Enthüllungen oder den Datenmissbrauch von Cambridge Analytica. Dies wird laufend verstärkt durch aktuelle Berichte, zum Beispiel über Social Scoring in China, Datenlücken bei Amazons Alexa & Co oder möglicher Spionagegefahren durch den weltweit führenden Netzwerkanbieter Huawei. Hinzu kommt noch die Befürchtung, von Monopolen der vorwiegend US-amerikanischen Internetgiganten beherrscht zu werden. Diese im Kern absolut berechtigten Sorgen bedingen, dass die meisten Deutschen dem Einsatz von Daten, Algorithmen oder gar künstlicher Intelligenz in unserer Gesellschaft äußerst skeptisch gegenüberstehen. Das gilt erst recht, wenn der Einsatz nicht im „öffentlichen Interesse“ steht (zum Beispiel im Rahmen der Kriminalitätsbekämpfung), sondern geschäftliche Interessen verfolgt. Dies sind zum Beispiel Kundenprofilierung, Dynamic Pricing oder der Einsatz von Chatbots im Kundenservice auf Basis künstlicher Intelligenz.

Sorglose Konsumenten

Völlig im Kontrast dazu steht allerdings unser alltägliches Verhalten als Nutzer, Kunde oder Medien-Konsument. Das Internet wird intensivst und über unterschiedlichste Dienste und Devices genutzt. Sobald auch nur kleine Vorteile winken, geben wir unsere Daten bereitwillig her. Abstrakte Vorbehalte gegen Amazon, Google, Facebook, Ebay & Co. führen kaum zur Wahl anderer Anbieter; Bequemlichkeit, „Gruppenzwang“ (insbesondere im Kontext sozialer Medien) oder Vergünstigungen korrumpieren uns und lassen im Alltag kaum Raum dazu, unsere Vorbehalte auch in Verhalten umzusetzen. Entsprechend werden auch mögliche zukünftige Angebote, die auf Big Data und AI basieren, sehr positiv aufgenommen, wenn sie uns denn mehr Sicherheit, Komfort oder Effizienz versprechen.

Im Datenschutz allenfalls pragmatisch

Einen gewissen Ausgleich könnte der Umgang mit Datenfreigaben und die Auswahl von Diensten schaffen. Aber auch für jedermann leicht umsetzbare Datenschutzmaßnahmen wie die Ablehnung von Cookies, die Verschlüsselung von E-Mails oder die Nutzung eines anonymisierten Browsers werden nur in geringem Maße realisiert. Zwar gibt sich nur etwa jeder fünfte Nutzer fast vollkommen datenschutz-abstinent, aber sogar nur jeder zehnte ist einigermaßen konsequent „datenschutz-aktiv“. Die große Mehrheit lässt sich derzeit als „datenschutz-pragmatisch“ bezeichnen (ein Jurist würde wohl eher von „leicht fahrlässig“ sprechen), und öffnet damit zahlreiche Einfallstore für Datendiebstahl und –missbrauch.

Brauchen wir einen Paradigmenwechsel?

Besorgt als Bürger, arglos als Nutzer: Ein vernünftiger Umgang mit Daten – im Sinne eines aufgeklärten souveränen Konsumenten – ist bislang kaum zu erkennen. Eine enge staatliche Regulierung kann dies nur in Teilen kompensieren: Einerseits, weil Aufklärung und Gesetzgebung gezwungener Weise immer hinter dynamischen technischen Entwicklungen hinterherhinken. Andererseits, weil ein zu enges formales Gerüst Innovation und Fortschritt erstickt und die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich mindert. Der enorme administrative Aufwand in Folge der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hat hier ein gutes Beispiel geliefert. Möglicherweise können neuere Ansätze helfen, die versuchen, staatliche Regulierung auf der einen Seite mit wirtschaftsethischen Ansätzen auf der anderen Seite (zum Beispiel in Form von Leitlinien oder Selbstverpflichtungen der handelnden Unternehmen) zu verknüpfen. Auch wäre es wünschenswert (wenngleich sicherlich noch Zukunftsmusik), den Bürger aus seiner Rolle als willfähriges Opfer der Datenkraken zu befreien und ihn zu einem Entscheider über den Einsatz „seiner“ Daten zu machen – im Sinne besserer Services, eines gesamtgesellschaftlichen Nutzen (z.B. in der Gesundheitsvorsorge) oder auch, indem er seine Daten gegen entsprechende Vergütung zur Verfügung stellt. Solches – flankiert durch Transparenz, digitaler Bildung und einer Sicherung des freien Wettbewerbs im digitalen Markt – könnte den Weg in eine Zukunft weisen, in der sich Datennutzen und Datenschutz nicht mehr diametral gegenüberstehen, sondern sinnvoll ergänzen.

Zur Studie: Der Beitrag basiert auf einer aktuellen Studie zum Thema „Big Data: Bürgerschreck oder Hoffnungsträger?“, die der Autor gemeinsam mit Prof. Dr. Susanne Knorre von der Hochschule Osnabrück und Prof. Dr. Fred Wagner von der Universität Leipzig mit Unterstützung des Goslar Instituts realisiert hat, und die in Kürze im Springer-Verlag erscheint.

Prof. Horst Müller-Peters, DataAnalyst.eu

Horst Müller-Peters ist Mitgründer und Gesellschafter der Smart News Fachverlag GmbH und Herausgeber von DataAnalyst.eu. Er war Mitgründer und Geschäftsführer, seit 2001 Vorstandsvorsitzender der psychonomics AG, eines der Top-Ten Marktforschungsunternehmen in Deutschland. Seit 2004 ist er Professor für Marketing und Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Köln. Arbeits- und Publikationsschwerpunkte sind Marktforschung, Marketing, Unternehmensberatung sowie die Themen Marktpsychologie, Digitalisierung und CRM. Daneben ist er Mitglied verschiedener Aufsichts- und Beratungsgremien und regelmäßig als Dozent an der Universität Leipzig und der Deutschen Sparkassenakademie in Bonn tätig.
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